Constanze
Text: Jörg Bohn / Erstveröffentlichung im Sammlermagazin "TRÖDLER", Heft 7 / 2008
Die im März 1948 erstmals erschienene Constanze entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zur beliebtesten und meistverkauften Frauenzeitschrift der Fünfziger Jahre.
Um einen solchen Status zu erreichen, war es in der sich neu formierenden Presselandschaft der Nachkriegsjahre erforderlich, sich möglichst deutlich von der rasant wachsenden Zahl der Konkurrenzblätter abzuheben. Der 14-tägig zum Preis von 60 Pfennig im Constanze-Verlag erscheinenden „Zeitschrift für die Frau – und für jedermann“ gelingt dies mit einer sehr vertraulich anmutenden Ansprache ihrer überwiegend weiblichen Leserschaft, die sich im Laufe der Zeit zu einem unverwechselbaren Markenzeichen entwickeln sollte: das Wort Käufer „passt für Constanze-Leser schlecht. Wir von der Redaktion kennen eigentlich keine Käufer, sondern nur Freunde und Freundinnen der Constanze. Wir erlauben uns, dieses hohe und so verpflichtende Wort hier einfach so hinzuschreiben, weil sie uns eine Treue bekunden, wie sie eben nur unter guten Freunden walten kann – ohne Vertrag, ohne Garantieschein, unabgesprochen, nie beschworen und jederzeit kündbar.“ Was für heutige Ohren wohl weniger Vertrauen erweckend als vielmehr penetrant anbiedernd klingt, trifft damals jedoch den Nerv der Zeit. Die Strategie der Zeitungsmacher geht auf und schon im ersten Jahr schnellt die Auflage auf fast 400000 Exemplare empor, zudem belegen ungezählte Leserbriefe innerhalb der entsprechenden, mit „vertraulich!“ überschriebenen Rubrik, dass offensichtlich viele der sich nach einer endlich wieder heilen Welt sehnenden deutschen Frauen Constanze als „Freundin“ akzeptieren: „Liebe Constanze, es ist schön, dass man Dich so einfach mit dem vertrauten Du anreden darf“, schreibt beispielsweise eine Leserin, die seit ihrer Kindheit in einem Dorf lebt, „wo alles so viel einfacher und persönlicher zugeht“ und die Redaktion veröffentlicht an gleicher Stelle „einen Teil der Anreden, mit denen Briefe an Constanze beginnen“. Titulierungen wie „Liebes Constanzchen“, „Fräulein Constanze“, „Liebe, gute Constanze“ und „Constanze, geliebtes Mädchen!“ oder auch „Unmögliches Weibsbild“ spiegeln das gesamte Spektrum zwischen Originalität und Kitsch und geben aufs Trefflichste einen für diese Zeit typischen Sprachklang wieder. Den Adressaten selbst hingegen gefällt in ihrer Schlussbilanz ein schlichtes „Liebe Constanze“ am besten.
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Bruni Löbel / Hardy Krüger | | Hilde Krahl / Dieter Borsche |
Dass Constanze bei so vielen Frauen den richtigen Ton trifft, liegt aber nicht etwa daran, dass dort die verantwortlichen Positionen überwiegend auch mit weiblichen Kräften besetzt sind. Im Gegenteil lassen sich am Ende eines handschriftlich von allen Redaktionsmitgliedern unterzeichneten Briefes an die Leser aus dem Jahre 1949 acht männliche Vornamen entziffern, denen lediglich zwei weibliche gegenüberstehen. Welche Rolle den Frauen zu dieser Zeit im Berufsleben wirklich zukommt, belegt in einer anderen Ausgabe der Zeitschrift der Bericht über ein Preisausschreiben, zu welchem viele tausend richtige Lösungen eingingen. „Bis zu elf Stunden täglich arbeiten sieben Damen an unserem größten Schreibtisch, um den Berg der Briefe und Karten zu sortieren und zu zählen.“ Verhältnisse, die 1950 auch Gerda Pelz in der „Frauenbeilage“ der „Frankfurter Allgemeine“, nicht frei von Ironie, zum Thema ihrer Betrachtungen macht: „Weshalb ist Constanze das Frauenjournal mit der weitaus höchsten Auflagenziffer geworden? Weil sie eine Frauenillustrierte ist, die…eigentlich von Männern für Männer entworfen wurde. Nun fachsimpeln die erfolgreichen Herren Adam über alles, was sie an Eva interessiert – und Eva hat nichts Eiligeres zu tun, als Adam dabei zu belauschen. Werden in diesem Kreise Frauenprobleme angeschnitten, so sind es todsicher solche, über die sich der Mann gerne mit der Frau unterhält – also nicht diejenigen, über die Frauen unter sich reden.“ Den Erfolg nicht nur der Constanze führt sie letztlich aber auch „auf das Ende der sentimentalen Frauenzeitung“ zurück. In den Frauenmagazinen der Nachkriegszeit „ist auch der letzte Rest von rosaroter Sentimentalität, alles Bängliche und auch alles Lehrerinnenhafte hinweggefegt worden vom aggressiven Lebensmut.“
Zielgruppe von Constanze sind vor allem junge Frauen aus dem Mittelstand, durch eine breit gestreute redaktionelle Themenvielfalt kommen sowohl die (noch) unverheiratete berufstätige Frau als auch die Kinder erziehende Hausfrau und Mutter auf ihre Lesekosten. Obwohl sich Constanze in den ersten Jahren häufiger für die Belange der Frauen einsetzt und beispielsweise in der Debatte um die Gleichberechtigungsgesetze engagiert Stellung bezieht, handelt es sich natürlich keineswegs um ein emanzipatorisches Blatt. Im Gegenteil unterstützt sie das Anfang der Fünfziger wahrzunehmende Bestreben, die Frauen nach deren außerordentlicher Selbstständigkeit in den Kriegs- und Nachkriegsjahren wieder an den Herd zurückzuholen. Wie eh und je sind dabei die vorrangigen Ziele, dem Mann ein gemütliches Heim zu schaffen und ihn bei seinem beruflichen Fortkommen zu unterstützen. Regelmäßig erscheinen Tests, mit deren Hilfe frau ihre Chancen bei heiratswilligen Mitgliedern des männlichen Geschlechts ausloten kann. Ausgesprochen viele Punkte verspricht beim Thema „Sind Sie von Männern begehrt?“ beispielsweise die Bejahung erstaunlich direkter Fragen wie „Haben sie hübsche, nicht zu dünne und nicht zu dicke Beine?“ oder „Haben Sie Ersparnisse oder Vermögen von mindestens 10000 Mark?“. Das Erreichen der höchsten Punktkategorie lässt SIE „wahrlich zum Wunschtraum in den Vorstellungen der meisten Männer unserer Tage werden.“
Falls die seinerzeit abgedruckten Leserbriefe repräsentativ sind, ließe sich aus den Absendern schließen, dass über die anvisierte Zielgruppe hinaus durchaus auch ältere Frauen und gar nicht wenige Männer zur Stammleserschaft gehörten. Gerade die Tatsache, dass Constanze durch ihre große inhaltliche Bandbreite zu einem regelrechten „Massenblatt“ avancierte und damit in einem nicht zu unterschätzenden Maße auch die Meinungsbildung ihrer Leser beeinflusste, macht sie heutzutage für den zeitgeschichtlich Interessierten zu einer vorzüglichen Quelle für die alltäglichen Befindlichkeiten von „Otto Normalverbraucher“ in den 50er Jahren. Zudem lässt sie ihn damit anschaulich teilhaben an der rasanten Entwicklung vom Mangel der Nachkriegszeit bis hin zum Überfluss der Wirtschaftswunderjahre. Diese lässt sich aber nicht nur an den abgedruckten Themen ablesen, sondern erschließt sich bereits durch das äußere Erscheinungsbild der Zeitschrift. Die ersten, im vom Verleger John Jahr mit 25prozentiger Beteiligung Axel Springers neu gegründeten Constanze-Verlag erschienenen Ausgaben sind noch von geringer Seitenzahl und nur ein blässlich roter Balken am unteren Rand des Titelblattes sowie der in selber Farbe unterlegte Constanze-Schriftzug sorgen für spärliche Farbtupfer. Doch schon bald verkünden Aufdrucke stetig steigende Heftumfänge von 40 oder gar „sensationellen“ 56 Seiten, welche die Einführung eines zu Beginn noch nicht benötigten Inhaltsverzeichnisses notwendig erscheinen lassen und 1952 präsentieren sich zumindest die Titelbilder von Sonderheften wie „Das sonnige Urlaubsheft“ oder „Das strahlende Osterheft“ komplett in Farbe.
Den weitaus größten Raum im Heft beanspruchen in den Anfangsjahren flockig leichte und häufig mit einem Schuss Ironie angereicherte Unterhaltungsthemen sowie Modeseiten, Einrichtungstipps und Lebenshilfe-Ratgeber. Die ständige Rubrik „Constanze schlendert um die Welt“ berichtet mit Fotos und kurzem Untertext überwiegend über harmlose Belanglosigkeiten, wie sie auch noch in entsprechenden „Bunten Blättern“ zu finden sind. Doch neben amüsanten Geschichten über Vierlingsgeburten, ausgefallene Hutmodelle oder Albinoäffchen finden sich auch aussagekräftige zeittypische Meldungen. So beispielsweise über „Kinder aus Flüchtlingslagern, die an der Autobahn Hannover-Hamburg stehen und den Autofahrern ihre bunten geflochtenen Blumenkörbe anbieten“ oder über die von Coca Cola gesponserte Wahl einer „Miß Besatzung von Japan“, die aus den weiblichen Mitgliedern der dortigen amerikanischen Besatzungsarmee ausgewählt wurde. Ein weiteres Foto aus dem Jahr 1949 zeigt den damals 25jährigen Kabarettisten Wolfgang Neuß. „Wegen eines Witzes über Bikini saß dieser Herr 12 Tage in Untersuchungshaft“ informiert Constanze seine Leserschaft und kommentiert im Anschluss lakonisch: „Aber damit ist das Atombomben-Problem auch nicht aus der Welt geschafft“.
Im Lebensberatungsbereich geht vor allem um das harmonische Miteinander von Mann und Frau und auch hier findet sich bisweilen ein gehöriges Maß an (typisch männlicher?) Ironie. So kündigt Constanze beispielsweise einen Artikel über die Forschungsergebnisse eines dänischen Wissenschaftlers an, „dessen Untersuchungen allen Eheleuten helfen sollen, verheiratet und trotzdem glücklich zu sein“. Zumeist geht es in dieser Rubrik aber durchaus ernsthaft zu. So beklagt man 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, die Orientierungslosigkeit der Deutschen: „Wir befinden uns in einer Krise der Moral – in einer Zeit der allgemeinen Unsicherheit darüber, was falsch und richtig ist. Ein Teil der Menschen betrachtet das Leben noch aus dem begrenzten Blickwinkel längst entschwundener Zeiten und muss dadurch notwendig in einen verhängnisvollen Gegensatz zum wirklichen Leben geraten.“ Als unsinnig erachtet wird in diesem Zusammenhang auch das damals noch durchaus übliche Verbot vieler Wohnungsbesitzer, ihren Mietern „nach zehn Uhr abends Besuch des anderen Geschlechts zu untersagen“ und somit „eine Handlung moralisch verschieden zu bewerten – je nachdem, ob es vor oder nach zehn Uhr abends ist.“ Auch eine Frau, „die ein uneheliches Kind zur Welt bringt, sollte nicht länger als unmoralisch bezeichnet werden.“
Wie Mann und Frau sich zu Anfang der 50er Jahre kennenlernen und welche Kriterien dabei eine Rolle spielen, offenbart eine mit „Wie man sich heute so findet…“ überschriebene Reportage. „„Tanzen sie auch so gern?“, hatte Gisela B. gefragt, als sie von Günther S. zu einem Tango aufgefordert wurde. Er war gerade aus der Gefangenschaft zurückgekommen und wollte sich nun als Bäcker selbstständig machen. Deshalb suchte er zuerst nach einer (man beachte die Reihenfolge/Anm. der Verfasser) tüchtigen, hübschen und lebenslustigen Frau.“ Auch in einem weiteren Fall scheint das Bestreben, gemeinsam etwas aufbauen zu wollen, mindestens ebenso wichtig gewesen zu sein wie das emotionale Moment und gibt derart einen Einblick in ein Lebensgefühl, welches das viel zitierte Wirtschaftswunder erst möglich gemacht hat: „Eine tüchtige Arbeitskraft suchte der Markthändler Helmut M. in Berlin Schöneberg; er fand sie in der 22jährigen Gina R., die gerade aus der Ostzone nach Berlin gekommen war. Als er sah, dass Gina nicht nur tüchtig zupacken konnte und kaufmännisches Talent entwickelte, sondern auch eine gute Hausfrau war, besann er sich nicht lange und schon einen Monat später war Hochzeit. Das Paar hofft nun, sich bald einen eigenen Laden bauen zu können.“
Ebenfalls ums Geld geht es in dem Artikel „Ist das Leben teurer geworden?“ aus dem Jahr 1950, der die Zeit nach der Währungsreform beleuchtet und dessen Lektüre beim Leser unwillkürlich Erinnerungen an die Einführung des Euro hervorrufen. Denn während heute wie damals Statistiker behaupten, dass „die Preise für Ernährung, Genussmittel, Bekleidung, Hausrat und Verkehr gesunken“ und damit die Lebenshaltungskosten „für die statistische Durchschnittsfamilie“ niedriger geworden sind, beteuern vier eben dieser Durchschnittsfamilien, deren Haushaltsbücher von der Constanze unter die Lupe genommen werden, unisono: „Das Gegenteil ist der Fall! Das Leben ist teurer geworden!“ Und in der Tat weisen die Constanze – Redakteure den Statistikern Fehler nach: „Oft weichen die von den Familien gezahlten Preise nur um Pfennigbeträge von den statistisch eingesetzten Preisen ab, manchmal geht es aber schon um Markbeträge. Diese Unterschiede führen zu der Differenz zwischen der statistischen Errechnung und der Wirklichkeit.“
Auch das immer stärkere Auseinanderklappen der „sozialen Schere“ war seinerzeit ein großes Problem. So ist 1949 in Constanze zu lesen, dass es in vielen schlechter oder gar nicht verdienenden Familien zu Konflikten kommt, da das wenige verfügbare Geld nicht für den Einkauf von Nahrungsmittel in ausreichender Menge reicht: „Es heißt zwar, dass die Liebe durch den Magen geht. Sicher ist aber, dass ein hungriger Mensch meist unzufrieden und gereizt ist. Da die Herren der Welt, die diesen Zustand verschuldet haben, zu weit weg wohnen oder sich wohlweislich nur in gepanzerten Automobilen zeigen, lässt der Hungrige seine Unzufriedenheit, seine Gereiztheit an seinem Nächsten aus. Wo der Hunger regiert, geht die Vernunft aus dem Haus.“ Besserverdienende hingegen kommen offensichtlich in den übervollen Genuss des durch die Währungsreform bedingten wirtschaftlichen Aufschwungs, wie eine nur wenige Monate später abgedruckte Witzzeichnung dokumentiert: Zwei in ihrem See an den Rand gedrängte Fische sehen „seit der Währungsreform kein Durchkommen mehr“, weil sich die darin badenden, ausschließlich wohlbeleibten Menschen mittlerweile überreichlich „Wohlstandsspeck angefressen“ haben.
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